(lebenslanges) lernen

lebenslanges lernen wird ja – zurecht – für alle berufsgruppen immer stärker thematisiert. nur lehrerInnen sind meiner erfahrung nach dagegen immun. haben es nicht nötig. können schließlich auf jahrelange (wahlweise jahrzehntelange) unterrichtserfahrung verweisen.

fachliche weiterbildung? „wofür? die schülerInnen werden immer dümmer. ich krieg schon den einfachen stoff nicht mehr durch.“

fortbildungen im bereich didaktik/pädagogok? „die sollen einfach weniger fernschauen und internet surfen und mehr lernen. WIR haben schließlich auch ohne irgendwelche spielchen gelernt.“

außerdem verweigern einige kollegInnen seit der umstellung auf ein online-anmeldesystem die weiterbildungsveranstaltungen der zuständigen pädagogischen hochschule.  „niemand kann mich zwingen, stundenlang vor dem bildschirm zu sitzen und in dem unübersichtlichen system nach passenden seminaren zu suchen. wenn mein arbeitgeber will, dass ich mich weiterbilde, soll er das auch auf einfachem weg ermöglichen.“

„geschützter arbeitsplatz“ – besonders boshafte zungen bezeichnen auch schulen als solches. erst gestern musste ich einem kollegen dabei helfen, ein wichtiges dokument vom bildschirm auf papier zu bringen (sprich: ausdrucken). man zeige mir den betrieb, der einen gerade mal 50-jährigen akademiker (!!) ohne jegliche computerkenntnisse noch sinnvoll verwenden kann.

wenn man bedenkt, dass lernen eigentlich unser kerngeschäft sein sollte, ist es doch ungeheuerlich, dass viele von uns in genau diesem bereich seit jahren (wahlweise jahrezehnten) keinerlei eigene erfahrungen mehr gemacht haben. bei solchen vorbildern läuft die forderung nach (lebenslangem) lernen unweigerlich ins leere.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu (lebenslanges) lernen

  1. Lisa Rosa schreibt:

    Ich verstehe Deinen Ärger sehr gut und oft trifft die Beschreibung die Haltung von Lehrern. Aber nicht generell. Und die sogenannten Ausnahmen sind keine Ausnahmen mehr. Ich kenne in meinen Seminaren lernbegierige und lernkompetente KollegInnen en masse. Sie sind zurecht enttäuscht von schlechter Fortbildung, in denen sie entmündigt werden (wie Schule die Schüler entmündigt) zu Objekten, die Stoff aufzunehmen und nach Anweisung zu handeln haben. Interessiert, lebendig und werden sie hingegen, wenn sie nach ihren Erfahrungen gefragt werden, und wenn sie neue Dinge lernen und im Hinblick auf ihren Unterricht ausprobieren dürfen. Motto:
    Behandle die Lehrer in deinen Fortbildungsveranstaltungen so, wie du möchtest, dass sie ihre Schüler behandeln.
    In Hamburg müssen die Lehrer übrigens 45 Stunden Fortbildung pro Jahr nachweisen. System Entmündigung: Für die Anmeldung zu bestimmten Fortbildungsveranstaltungen brauchen sie die Einverständniserklärung ihrer Schulleiter. Motto: Du darfst nur lernen, was dein Vorgesetzter für richtig hält.
    Da hast du ihn wieder, den System-Widerspruch.
    Es bringt m.E. nicht viel, wenn man die Lehrer als Individuen für die Schulmisere allein verantwortlich macht, auch wenn ich Deinen Stoßseufzer-Post gut nachvollziehen kann. Die Lehrer sind (insgesamt und in der Regel) jedoch genau so, wie die Schule als Institution sie braucht und hervorbringt. Wenn die Bildung andere Lehrer, nämlich mehr von den „guten“, engagierten, lernfähigen, braucht, dann muss das System sich und seine Betriebsbedingungen mit ihnen zusammen lernend verändern. Nur in dieser Kombination sind die Akteure des Systems überhaupt in der Lage, Verantwortung für ihre eigene Tätigkeit wirklich zu übernehmen, denn Verantwortung braucht Partizipation. Ich kann nur verantwortungsvoll Lernprozesse anleiten und begleiten, wenn die Bedingungen, unter denen ich das tun soll, mir entgegen kommen (Habermas) und nicht stattdessen dauernd im Wege stehen.

    • misswirtschaft schreibt:

      danke für die dringend notwendigen ergänzungen!
      punkt 1 – ich vergaß auf die vielen engagierten kollegInnen hinzuweisen, die sich laufend (natürlich auch in den ferien/unterrichtsfreien zeit und auf eigene kosten) weiterbilden. deren gibt es viele und ich bin heilfroh darum.
      punkt 2 – es ist ein systemimmanetes problem. ich kenne aus eigener, leidvoller erfahrung die schwierigkeiten, auf die man stößt, wenn man seminare oder lehrgänge in der lehrerfort- und weiterbildung nicht in der traditionellen form durchführt. für online-begleitung gibt es keinen „ph-satz“ (wird nicht bezahlt oder mit dem niedrigst möglichen tarif). dasselbe gilt für die betreuung kleiner lerngruppen oder gar team-teaching.
      manchmal finden sich dennoch solche fortbildungen – inklusive engagierter lehrerInnenteams, die dadurch angeregt schulentwicklungsprozesse einleiten, planen, organisieren, umsetzen und sich dabei gegenseitig unterstützen. trotz – nicht dank – der schulleitungen/schulaufsicht bzw. dem system schule, wie es in österreich gelebt wird.
      vielleicht ist es ein schulinternes problem – aber die gräben zwischen solchen und solchen lehrerInnen werden bei uns von jahr zu jahr tiefer. und die unzufriedenheit auf beiden seiten immer größer.
      punkt 3 – „Die Lehrer sind (insgesamt und in der Regel) jedoch genau so, wie die Schule als Institution sie braucht und hervorbringt.“ ja, die erfahrung hab ich mittlerweile auch gemacht. aber noch kann ich mich nicht damit abfinden … dazu bin ich zu gern lehrerin. und zu ungern systemangepasst.

    • Damian Duchamps schreibt:

      „Wenn die Bildung andere Lehrer, nämlich mehr von den „guten“, engagierten, lernfähigen, braucht, dann muss das System sich und seine Betriebsbedingungen mit ihnen zusammen lernend verändern. Nur in dieser Kombination sind die Akteure des Systems überhaupt in der Lage, Verantwortung für ihre eigene Tätigkeit wirklich zu übernehmen, denn Verantwortung braucht Partizipation. Ich kann nur verantwortungsvoll Lernprozesse anleiten und begleiten, wenn die Bedingungen, unter denen ich das tun soll, mir entgegen kommen (Habermas) und nicht stattdessen dauernd im Wege stehen.“

      Wie Recht du hast, Lisa Rosa. Die Betriebsbedingungen bestimmen, ob sich etwas verändert. Und ob diese Bedingungen stimmen oder nicht, ist eine politische Entscheidung. Das sagte mir jüngst sogar noch ein recht neuer Dezernent meiner Bezirksregierung. Und wenn tatsächlich mal eine Regierung etwas an den Bedingungen ändern will, selbst wenn nur ansatzweise, dann vermasselt es ihr garantiert die Opposition in kleinkindlichen landespolitischen Sandkastenstreitereien mit Haushaltsklagen etc..

      • misswirtschaft schreibt:

        ja, leider. ich kenne vielversprechende beispiele von lehrerInnen-initiativen, die durch die (politisch dominierte) schulaufsicht zu tode ignoriert wurden.
        und dennoch halte ich es mit dem leitsatz: „ins gelingen vertrauen“ (sbw lernhäuser, schweiz). konstruktive subversivität muss sich auf dauer doch auszahlen 😉

    • misswirtschaft schreibt:

      soeben gefunden – und schlägt in dieselbe kerbe: „teachers are learners“ mit schöner schlussphrase: „When learning ends, teaching ends.“ http://evasimkesyan.edublogs.org/2011/04/22/teachers-are-learners/

  2. Weiterbildung schreibt:

    Ich kann den Frust nachvollziehen. Schuld an der Dummheit der Schüler sind immer die Lehrer. Ich habe immer versucht mit den Schülern Arten von Projekten zu starten. Da mussten Sie viele Sachen selber erarbeiten und im Team vortragen. Habe gute Erfahrungen damit gemacht. Vielleicht hilfts.

    • misswirtschaft schreibt:

      meine schülerInnen sind im allgemeinen nicht dumm. lieben projektarbeiten und arbeiten mit leidenschaft an ihren portfolios. bringen erstaunliches zuwege, wenn man sie nur lässt. schülerinnen sind nicht mein problem … die verstehen meist, worum es beim lebenslangen lernen geht. 😉

  3. ex-schueler schreibt:

    gedankenanstoss:
    weiterbildung fuer lehrer. einen monat lang. jedes jahr. in einem der unterrichtsfreien sommermonate. alle gewinnen. lehrer bekommen ein besseres image, schueler bessere lehrer.

    • misswirtschaft schreibt:

      i like 🙂
      um den verdacht des lehrer-bashing nicht wieder aufkommen zu lassen: es gibt eben solche und solche … (hier schon mal länger formuliert). das heißt, ein teil der lehrerInnen bildet sich bereits in der unterrichtsfreien zeit weiter – oft auch auf eigene kosten.
      eine „empfehlung“ in diese richtung gibt es ja bereits – und vergrößert die kluft zwischen den lehrerInnen nur noch. und eine „verpflichtung“ ist politisch / systembedingt (zumindest in österreich) undenkbar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s